MyLife » Sushi, Sake und ein humanoider Roboter - Forschen in Japan
Als ich April 2000 in Tokyo aus dem Flieger fiel, war ich mehr als aufgeregt. Japan - da wollte ich schon als Kind hin, nur es lag immer weit ausserhalb meiner persoenlichen und finanziellen Reichweite. Jetzt war ich auf einmal da - und nicht als Tourist, sondern als Student der dort einen Teil seiner ersten Diplomarbeit (1) schreibt ... und dabei natuerlich dieses faszinierende Land kennenlernen moechte!
Lange hatte ich den Aufenthalt geplant, Kontakt mit Professor Kawato - meinem dortigem Chef - aufgenommen, versucht Gelder von DAAD und Auslandsamt aufzutreiben. Anfangs sah es nahezu unmoeglich aus - und dann klappte innerhalb von zwei Monaten auf einmal alles. Ploetzlich stand ein Gehalt und eine Wohnung auf dem Programm - mehr als ich mir jeh zu traeumen getraut haette! Auf der anderen Seite stellte ich mir die Frage: was werden die verlangen, wenn die mir so gute Konditionen bieten? Ich bin doch nur irgendein Student - und in Deutschland wuerde man auch einem MIT-Studenten keine solchen Konditionen bieten. Als ich dann noch eine Woche vor meinem Abflug eine Reportage ueber meinen zukuenftigen Chef im Bayrischen Fernsehen gesehen habe, vermutete ich, dass man von mir dort Unmoegliches verlangen wuerde.
Dementsprechend war mir sehr mulmig, als ich dann nach einer Woche Sightseeing in Tokio tatsaechlich nach Kyoto gefahren bin und mich beim Advanced Telecommunication Research Center (ATR) vorgestellt habe. Doch waehrend meines ersten Tages beim ATR zerbrach die Eiskugel in meinem Bauch - mit ihr verfluechtigte sich die Furcht vor der Aufgabe und wechselte zu Begeisterung! Mein Chef, Professor Kawato, stellte sich als ein lustiger, netter Mann heraus - deutlich zugaenglicher als viele Forscher, die ich in Europa kennengelernt habe. Seine Forschungsgruppe war enorm gross (etwa 40 Leute), ich wurde erstmal zwei Stunden von seiner Sekretaerin herumgefuehrt und allen vorgestellt. Anschliessend fand das erste Meeting mit ihm und meinen beiden Betreurn, Dr. Shibata und Dr. Haruno, statt. Dort zeigte sich zum einen, dass Sie mein Diplomarbeitsthema (Gehirnmodelle auf Roboter anwenden) sehr ernst genommen haben - und das ihnen meine Aufgabe sehr gelegen kam. Professor Kawato und Professor Wolpert (University College London) hatten gerade ein "Computational Brain Model" vorgestellt - welches aber noch nie auf Robotern ausprobiert worden war. Ihr Wunsch: eine Machbarkeitsstudie und falls moeglich, eine Implementation auf DB, ihrem humanoiden Roboter (siehe Bild 1). Des weiteren erzaehlten sie mir, dass sie Philipp Vetter, einen Doktoranden von Professor Wolpert, extra fuer mein Projekt einfliegen wuerden und das ich drei Wochen von ihm unterstuetzt wuerde. Damit war die Katze aus dem Sack: das Projekt wuerde anspruchsvoll, aber nicht uebermenschlich kompliziert sondern einfach klasse sein!
Das Klima am ATR und insbesondere im Computational Brain Project und dem CyberHuman Project stellte sich als traumhaft heraus. Titel spielten keine Rolle - und statt "Sie" und "Herr Professor Kawato" war mein Chef bald nur noch Mitsuo (sein Vorname) fuer mich. Die Tatsache dass ich Zugang zu fast allen Scientific Journals, coolen Robotern, und netten weltbekannten Forschern hatte, hat mich ungeheuer motiviert. Aus dem nominellen Acht-Stunden-Tag wurde bald ein 14h-Tag ... der auch fuer die meisten Sachen nicht reichte. Dennoch, ich haette kaum mehr Spass haben koennen! Stundenlange Diskussionen ueber Probleme und deren Loesung sind hochgradig spannend, wenn man sie mit interessanten Leuten fuehrt. Dazu kam, dass ich mit Abstand der juengste Auslaender war, der je dort am Institut gewesen ist. Damit war ich fast sofort der Liebling aller Sekretaerinnen, Bardamen, ... die sich alle Muehe gaben, mich mit japanischen Spezialitaeten, Suessigkeit und zum Teil sogar mit Geschenken zu verwoehnen.
Mit der Zeit troepfelten Forscher aus aller Welt ein - der Grossteil natuerlich von US-amerikanischen Top-Unis (MIT, Carnegie Mellon University, Georgia Institute of Technology, University of Southern California, University of California in Davis, ...) aber auch aus Europa, Kanada, Singapore, China und Indien. Einzig die Deutschen fielen durch ihre Abwesendheit auf - spielen wir etwa keine Rolle mehr? Ich weiss es nicht - aber die einzigen Deutschen ausser mir waren Expatriates (Auswanderer). Ausgesprochen gut habe ich mich mit einem Expat verstanden: Stefan Schaal. Absolvent (Dr.+Diplom) von der TU Muenchen ist er heute nach Zeiten am MIT und Georgia Tech Professor an der University of Southern California. Als ich mich am ersten Tag mit ihm auf Deutsch unterhalten habe - und ihn mit "Herr Professor Schaal" und gar "Sie" anredete ... meinte er grinsend: "Komm, Jan, lass die Albernheiten, dafuer bin ich zu alt!". Dementsprechend intensiv war auch seine Unterstuetzung fuer mein Projekt und ich glaube, ohne seine Unterstuetzung haette es kaum so gut geklappt!
Aber mein persoenlicher Hoehepunkt dieses Besucherstroms war das Philipp nach Japan gekommen ist. Philipp ist der oben bereits erwaehnte Doktorand vom University College London (UCL). Er gehoert ohne Zweifel zu den Leuten, die man nur an besonderen Orten kennenlernt - wie z.B. am ATR. Diplom in Biochemie an der ETH-Zuerich mit 21 (keine Ahnung wie man das schaffen kann - ich dachte bis dahin, das ich eigentlich recht jung das erste Diplom machen wuerde...) und anschliessende Promotion im Neuroscience and Control Ph.D. Programm am UCL. Trotz allem aber ein einfach netter Kerl, mit dem man ungeheuer spannende und interessante Gespraeche fuehren kann. Gemeinsam stuerzten wir uns in die Arbeit und haben in zwei Wochen eine Unmenge interessanter Ideen und Verbesserungen produziert. Einzig, dass sich mein 14h-Tag so laengsam sich zum 18h Tag entwickelte ... die erste Arbeitszeit, die durch den zwangslaeufigen Schlafmangel wirklich anstrengend ist! Solche Arbeitszeiten schweissen natuerlich zusammen - daher entwickelten wir uns innerhalb kurzer Zeit vom Zweier-Team zu guten Freunden.
Die Wochenenden waren besondere Highlights: da ATR dann die Tore zumacht - hatte ich sie vollstaendig frei und verbrachte sie damit, mir Japan anzuschauen. Von meiner Wohnung konnte man schnell ins Zentrum von Kyoto, nach Nara, und Osaka fahren - diese Staedte habe ich natuerlich ausgiebig besucht. Eine wunderbare Eigenschaft der JapanerInnen ist, dass es sehr, sehr einfach ist, nette Leute kennenzulernen - vorausgesetzt sie koennen Englisch. Man muss sich nur in eine Bar setzen und ein Maedchen lieb anlaecheln - und man bekommt ihre Telefonnummer ... oder sich neben einem Jungen, der an der Theke sitzt, setzen - und man hat einen netten Gespraechspartner. Das bringt natuerlich auch nette Einladungen und so konnte ich mir auch noch Hiroshima, Miyajima, und viele japanische Burgen anschauen. Besonders die drei Wochenenden mit Philipp waren spassig - das extrem teuere japanische Nachtleben haette ich mir sonst nicht geleistet (bei egal welchem Gehalt). Als wir beide uns an einem Wochenende einen Sonnenbrand geholt haben und am Montag wie zwei gekochte Hummer aussahen, war die Reaktion der Japaner mehr als verblueffend: die Haelfte lag vor Lachen auf dem Boden als sie uns sah ... die andere Haelfte war geschockt und wollte uns gleich zum Arzt zerren!
Leider gehen schoene Zeiten besonders schnell zu Ende - und so musste ich mich auch Mitte Juli wieder in den Flieger setzen und zurueck nach Deutschland jetten. Aber ueber eines bin ich mir sicher: ATR sieht mich wieder...
Jan Peters
(1) Als Doppelstudent Informatik&Elektrotechnik musste Jan Peters statt einer Diplomarbeit gleich zwei anfertigen.
Geschrieben in Singapore am 28.11.2000. Erschienen in Trafo (Zeitschrift der Fachschaft EI der TU Muenchen), in Zensiert (Zeitschrift des Albert Schweitzer Gymnasiums) und als UNICUM Erfahrungsbericht.
